Friedrich Schiller: Die Räuber - Inszenierung des Residenztheaters München

Ulrich Rasche  - einige von euch kennen ihn vom "Woyzeck" her - inszenierte 2018 "Die Räuber" von Friedrich Schiller als überdimensionales Mensch-Maschinen-Theater am Residenztheater in München. In der mehr als dreistündigen Aufführung marschieren die Darsteller über ein Laufband - in den Hauptrollen: Franz Pätzold als Karl Moor und Katja Bürkle als Franz Moor. Ja, eine Frau spielte eine der interessantesten Rollen, die das deutschsprachige Theater bieten kann.

Friedrich Schiller: Die Räuber - Inszenierung des Thalia-Theaters Hamburg

Wie unterschiedlich das gleiche Werk inszeniert werden kann, zeigt euch diese Version. Der deutsche Regisseur Nicolas Stemanns löste bei seiner Inszenierung die schillerschen Rollenvorgaben von Beginn an auf und liess fast alle Männerrollen von vier Darstellern spielen. Wer ist Franz Moor? Wer ist Karl Moor? Alles greift ineinander hinein, verdoppelt, vervierfacht sich. Sein Wortkonzert, bei dem die Schauspieler zwischendurch auch zu E-Gitarre und Schlagzeug greifen, wurde bei der Premiere bei den Salzburger Festspielen 2008 gefeiert, auch wenn einige Zuschauer am Ende kopfschüttelnd den Raum verliessen. Sofern ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, mit "Die Räuber" vertraut seid, dann wagt euch ruhig an diese Inszenierung, die mich 2009 in Hamburg über weite Strecken fasziniert hat, heran. Seid ihr weniger vertraut, dann empfehle ich euch die Inszenierung aus dem Residenztheater.

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil

"Faust" ist eine 1960 entstandene Verfilmung der Inszenierung von Goethes "Faust I" von Gustaf Gründgens am Hamburger Schauspielhaus. Gustaf Gründgens hatte Mephisto schon über 600-mal in 40 Jahren gespielt, bevor er als Intendant des Hamburger Schauspielhauses 1957 erneut den Faust in Szene setzte und in seiner Lieblingsrolle auf der Bühne stand. Diese Inszenierung erwies sich als voller Erfolg und wurde mit Gastspielen in Russland und Amerika international berühmt.

 

Der Film ist ein Kompromiss zwischen abgefilmtem Bühnenstück und eigenständiger Filmkunst, wobei er filmische Mittel wie Kameraschwenk und Nahaufnahme einsetzt und folglich über den Blickwinkel des Theaterbesuchers hinausgeht. Er lässt aber immer wieder die Theaterbühne im Bild, um den Zuschauer an den Ursprung des Filmbildes zu erinnern. Die Inszenierung ist überaus werkgetreu, der Text gerafft, aber sonst nicht wesentlich verändert. Aktualisierungen des klassischen Dramas finden sich höchstens im Bühnenbild: So wird in die Walpurgisnacht eine Atombombenexplosion eingeblendet. Die Schauspieler sprechen nicht wie in einem Film, sondern wie auf der Bühne, so als müsse ihre Stimme den ganzen Theatersaal durchdringen.

 

Besetzung: Faust (Will Quadflieg), Mephisto (Gustaf Gründgens), Gretchen (Ella Büchi), Marthe Schwerdtlein (Elisabeth Flickenschildt), Wagner (Eduard Marks) u.a.

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil

Ein Musik-Theater-Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe nannte das Stadttheater Rudolstadt die Inszenierung von Steffen Mensching und Michael Kliefert im Jahre 2015. Mit der dreieinhalbstündigen Gemeinschaftsproduktion von Schauspiel und Orchester wollte das Stadttheater Rudolstadt eine von den Theatern so gut wie vergessene historische Aufführungspraxis – den vielfältigen Anteil von Live-Musik und Gesang (fast 20 Prozent!) – wiederbeleben. Des Dichters eigener Wunsch war es, Mozart hätte den »Faust« vertont. Auch Beethoven hat die ernsthafte Absicht, eine grosse »Faust«-Musik zu schreiben. Zu alledem kam es leider nicht. Erste andere Kompositionen entstanden jedoch bereits zu Goethes Lebzeiten – von ihm selbst für Inszenierungen in Auftrag gegeben. Mittlerweile existieren zum »Faust« und der unendliche Fülle von  Bearbeitungen des Faust- Stoffes von über 650 Komponisten Vertonungen. Das musikalische Spektrum reicht dabei von der Oper bis zum Ballett, vom einfachen Lied bis zum Musical, von der Ouvertüre bis zur grossen Sinfonie. In dieser Aufführung erklingen u. a. Auszüge aus Werken des berühmten russischen Polystilisten Alfred Schnittke (1934-1998) und Neuvertonungen des Leipziger Komponisten Hannes Pohlit.

 

Besetzung: Faust (Steffen Mensching), Mephisto (Matthias Winde), Wagner / Satan (Johannes Arpe), Margarete (Lisa Klabunde), Marthe / Engel / Kellnerin / Hexe (Carola Sigg) u.a.

Johann Wolfgang v. Goethe: Faust erster und zweiter Teil. EXPO 2000 - Dauer 13 Std.

Das Faust-Projekt war eine gigantische Theaterproduktion des deutschen Regisseurs Peter Stein anlässlich der Expo 2000 in Hannover im Juli 2000. Die Aufführung von Goethes „Faust I“ dauerte 8 Stunden, von „Faust II“ 14 Stunden. Kein Wort der beiden Theaterstücke war gestrichen worden und einige Regie-Anweisungen wurden mitdeklamiert.

Für sein Projekt errichtete Stein Ende der 1990er Jahre seine eigene Trägerfirma, die Faust-Stiftung, die sein Wunschprojekt verwirklichen sollte. Dabei scharte er an die 80 Mitarbeiter um sich, darunter ein ungewöhnlich grosses Ensemble von über 35 Schauspielern, und sammelte rund 30 Millionen an Sponsorgeldern in der Privatwirtschaft. Die Probenzeit dauerte über ein Jahr. Die Premiere fand in Hannover vom 22. bis 23. Juli 2000 statt. Samstags von 15 Uhr an "Faust I" in 8 Stunden, sonntags von 10 Uhr an "Faust II" in 14 Stunden, inklusive der Pausen betrug die Spielzeit über 21 Stunden. Sie umfasste alle 12.110 Verse beider Teile des Dramas bzw. Goethes Regieanweisungen. Weitere Vorstellungsserien folgten in Berlin sowie in Wien. Im Gegensatz zur deutschen Kritik war das Publikum von der Inszenierung begeistert.

Besetzung: Faust (Bruno Ganz, Christian Nickel),  Mephistopheles (Johann Adam Oest, Robert Hunger-Bühler, Christine Oesterlein), Gretchen (Dorothee Hartinger), Helena (Corinna Kirchhoff), Marthe Schwerdtlein (Elke Petri) u.v.a.

Faust. Wurzel aus 1 + 2

Ein ranghoher Hamburger Politiker hat mal den Satz geprägt, er wolle „seine“ Klassiker auf der Bühne gefälligst wiedererkennen. Ha! Da wäre er 1993 beim Schweizer Regisseur Christoph Marthaler am Hamburger Schauspielhaus an den Falschen geraten. Der nämlich hat Goethes „Faust“ gründlich durch den Fleischwolf gedreht. 

Von Goethes Text kommen in „Faust. Wurzel aus 1 + 2″, der verwegenen Variante Marthalers, bestenfalls noch drei Prozent oder 150 Verse vor. Dafür sehen wir gleich scharenweise „Mephistos“ sowie ein ganzes „Gretchen“-Quartett durch die fabrikhafte Szenerie stolpern. Rücklings auf dem Klappbett, haucht Fausts vierfaches Liebchen Gretchen - unter ihnen unsere Oberwalliserin Annelore Sarbach - immer wieder im Chor seinen Vornamen: „Heinrich“. Gretchen, mir graut vor dir!

Marthaler, von Haus aus Musiker, traktiert die Vorlage wie eine unverbindliche Notenansammlung, der man beliebige Valeurs einhauchen kann, oder wie eine abstrakte mathematische Aufgabe, bei der bestimmte Formeln munter multipliziert werden, während komplette Ketten unter den Tisch fallen. Gelegentlich ist’s wie ein Schülerscherz mit hassgeliebtem Bildungsgut: Von Fausts berühmten Monolog („Habe nun, ach…“) bleiben auf diese Weise nur die Vokale übrig, die wie dadaistische Bröckchen hervorgewürgt werden. Rein darstellerisch betrachtet ist das meisterlich, doch die kunstfertige Mühsal hat was arg Vergebliches. Marthalers „Faust“ (Josef Bierbichler) schwankt – am Ende eines völlig desillusionierten Jahrhunderts – durch Alpträume. Bestimmt weiss er von allen Katastrophen unserer Zeit. Und so erlebt er sein uraltes Drama als qualvoll leerlaufende Maschinerie aus Vervielfältigungen und Wiederholungen, als rohen Slapstick der Verzweiflung. Nach und nach splittert und zerbröckelt all das. Man vernimmt dann gleichsam nur noch das Röcheln, Stöhnen, Keuchen, Zischen und Blubbern aus der Ursuppe des Textes. Das trieb etliche Zuschauer bei der Premiere vor der Zeit nach Haus...  andere waren begeistert, und das Stück wurde auch anlässlich des Berliner Theatertreffens 1994 gezeigt. Ich würde diese Inszenierung vor allem Schülerinnen und Schülern empfehlen, die sehr vertraut mit "Faust" sind.

Die Aufnahme stammt von der Generalprobe. Ton- und Bildqualität sind leidlich gut.

Robert Seethaler: Der Trafikant

 

Franz Huchel, ein 17-jähriger Bub vom Land, verlässt seine Mutter, die Heimat und den Attersee und zieht nach Wien. Hier beginnt für ihn ein neues Leben als Gehilfe in einer Tabaktrafik im neunten Bezirk.

Wir befinden uns im Jahr 1937: Die politischen Ereignisse verändern das Leben in der Stadt. Das bekommt auch der Inhaber der Trafik, also eines Kiosks, zu spüren, der aufgrund seiner jüdischen Kundschaft von den Nachbarn angefeindet wird. Ein Stammkunde ist Sigmund Freud. Der bekannte „Deppendoktor“ beeindruckt Franz, und es entsteht eine zaghafte Freundschaft zwischen dem alten Herren und dem jungen Mann. Franz macht sich auf Freuds Anraten hin auf, die Liebe zu suchen, und trifft sie im Prater in der Person von Anezka, einer Böhmin. Franz verliert ihre Spur jedoch nach einem ersten Abenteuer und findet Anezka als spärlich bekleidete Tänzerin in einer Kabarettshow wieder. Er lässt sich davon nicht beirren, sein Bauch ist voller Schmetterlinge, und er muss das geliebte Mädchen um jeden Preis erobern. Von Professor Freud erwartet Franz Antworten auf die ihn umtreibenden Fragen, doch nicht einmal der weise Mann weiss Rat im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Als auch noch die Gestapo den unbequemen Trafikanten mitnimmt, muss Franz die Verantwortung für das Geschäft übernehmen, seine ersten Schritte als Erwachsener in einer Welt tun, in der vertraute Massstäbe nicht mehr gelten, und dabei beweisen, dass er das Herz am richtigen Fleck hat. Die Inszenierung lässt sich prima als Ergänzung zum Roman von Seethaler in den Unterricht integrieren. Und vielleicht lässt andere die Inszenierung einen ganz tollen Roman entdecken.

 

Der Regisseur Sebastian Schug entwickelte in seiner sinnlichen Lesart aus dem Bestseller von Robert Seethaler am Wiener Volkstheater 2018 eine Geschichte über dunkler werdende Zeiten, vor allem aber über Menschen, die voller Lebenslust und -gier versuchen, ihren Weg zu finden.

Besetzung:   Anezka/Mutter (Elzemarieke de Vos), Sigmund Freud (Klaus Huhle), Franz Huchel (Nils Rovira-Muñoz), Otto Trsnjek (Stefan Suske) u.a.,

Karl Schönherr: Der Weibsteufel

Eine schwarze Emanzipationsgeschichte erzählt Karl Schönherr mit seinem Drei-Personen-Stück „Der Weibsteufel“ (Uraufführung 1914). Unerbittlich und wie bei einer Tragödie läuft alles auf das düstere Ende zu. Aber es ist nicht das Schicksal, das die Menschen in Unheil verstrickt, die Menschen verstricken sich selbst in ihren Intrigen. Diese „Gefährlichen Liebschaften“ auf dem Land sind genauso katastrophal wie die der hochmögenden Leute in der grossen Welt. Der österreichische Dramatiker Schönherr warf in knappen, kantigen Szenen die Psychothriller-Maschine an, und Regisseur Martin Kusej liess sie in seiner Inszenierung im Wiener Akademietheater im Jahre 2008 gnadenlos abrollen. Spannung auf höchstem Niveau über eineinhalb Stunden und ohne Pausen. Ein Volksstück der besonderen Art.

 

Es gibt so Theaterinszenierungen, die sich unwiderruflich ins Gedächtnis des Besuchers brennen. Bei mir war es im Frühling 2012 ein Besuch im Residenztheater in München anlässlich der OMS-Woche. Ganz viele Schüler/innen waren begeistert, obwohl sie das Stück nicht kannten. Der Intendant Martin Kusej holte damals seine Inszenierung von Karl Schönherrs „Der Weibsteufel“ aus Wien ans Residenztheater. Ein Dutzend wuchtiger Baumstämme lag kreuz und quer auf der Bühne. Darüber hingen Leuchtstoffröhren: eine Frau und zwei Männer standen permanent unter Beobachtung, denn die drei balancierten ihr aus dem Gleichgewicht geratenes Leben über die Stämme. Jeder Schritt auf den schrägen Baumstämmen war so absturzgefährdet, wie die Dreiecksbeziehung lebensgefährlich ist. Faszinierend dabei das Spiel von Birgit Minichmayr - und in der Münchner Inszenierung von Tobias Moretti als Jäger. Das ist und war so eine Theaterinszenierung, von der ich denke, dass sie Schülerinnen und Schüler den Zugang zum Theater ermöglichen kann. Den Theatertext gibt es bisher nicht in Buchform zu kaufen. Ich habe deshalb eine Textfassung , die online zu finden ist, in eine - hoffentlich - angenehm lesbare Form gebracht. Der Text ist auf der Homepage im Bereich der Literatur unter "Texte" zu finden.

 

Besetzung: Weib (Birgit Minichmayr), Mann (Werner Wölbern ), Jäger (Nicholas Ofczarek)

Das Lehrerzimmer - eine Passion. Vorstadttheater Basel

Nein, kein Klassiker... vergnüglich und vielleicht in diesen Zeiten auch der richtige Theaterstoff. Und ein guter Zugang zur Welt des Theaters. Da dieses Theaterangebot derzeit gratis ist, habe ich den Link zur Hausproduktion des Vorstadttheaters Basel hier aufgeführt. 

 

Das Lehrerzimmer, dieser geheimnisvolle Ort, in den man stets nur einen türspaltbreit hineinlinsen konnte. Schon immer wollte man als Schulkind wissen, was sich hinter dieser Tür verbirgt – in diesem Raum, wo die Luft nach Kaffee riecht und die Lehrer eine Atempause lang nur Mensch sein dürfen. Wer sind diese Lehrer, diese Entertainer auf der Bühne des allgemeinen Schulwahnsinns, wenn sie nicht unterrichten? Im Lehrerzimmer, das zur surrealen Fläche wird, treffen ihre Sehnsüchte, Abgründe und Träume aufeinander und heben ab.

«Das Lehrerzimmer – Eine Passion» ist nach «Frau Kägis Nachtmusik» und «Affenhaus» die dritte Produktion, in der sich das Vorstadttheater mit dem Bildungswesen auseinandersetzt. Dieses Mal aus der Perspektive der Lehrer, ihrem Leben zwischen Berufung und Alltag. Wie halten sie Schritt in dem skurrilen Räderwerk Schule, und wie überleben sie im momentanen Mahlwerk der Bedürfnisse?

In "Das Vorstadtheater - eine Passion" setzt sich das Vorstadtheater mit dem Thema Bildung aus der Perspektive der Lehrer, ihrem Leben zwischen Berufung und Alltag auseinander. Wie halten sie Schritt in dem skurrilen Räderwerk Schule, und wie überleben sie im momentanen Mahlwerk der Bedürfnisse?

https://beta.spectyou.com/video/das-lehrerzimmer-eine-passion

Gerhart Hauptmann: Die Ratten

2007 hat Michael Thalheimer im DeutschenTheater in Berlin "Die Ratten" inszeniert. "Die Ratten" waren 1911 und sind auch heute noch ein drängendes Stück. Die Nöte ungewollt oder gar nicht schwangerer Frauen sind komplexer und zum Teil andere geworden, aber noch genau so tragödientauglich. Die alternde Henriette John aus dem Stück braucht nicht nur aus emotionalen, sondern auch aus Versorgungsgründen ein Kind: ihr Mann, der in Altona arbeitet, droht nach Amerika auszuwandern. Mit der Kindsbeschaffung versucht sie, ihn zu binden und ihre Existenz zu retten. Und vernichtet sie doch, weil sie sich der Hilfe ihres kriminellen Bruders bedient, den ihr Mann als Verkörperung seiner eigenen Unterschichtsherkunft mehr hasst, als er seine Frau liebt. Am Ende liegt die John mit ausgebreiteten Armen auf der Strasse.

Bei Thalheimer können die Figuren nicht aufrecht stehen. Die Panoramabühne von Olaf Altmann ist ein kaum mehr als schulterhoher Schlitz zwischen zwei massiven Holzplatten, von denen sich die untere als Schräge bis an die Rampe fortsetzt. Ein Höhlengang, ein Spalt, eine Nische, von wo aus es nur nach unten geht. Für mich ist dieses Stück eine der wuchtigsten und berührendsten Theaterinszenierungen, die ich je sehen durfte.

Besetzung: Henriette John (Constanze Becker), Paulina Piperkarcka (Regine Zimmermann) u.a.

Gerhart Hauptmann: Die Weber

Michael Thalheimer inszenierte 2011 am Deutschen Theater Berlin Gerhart Hauptmanns Stück vom Aufstand der „Weber“ - und zeigte alle Figuren in ihrer Seelenblösse. Die Weber liegen nackt und in Fetzen und verhungert mit ihren totgeborenen oder dahinsiechenden Kindern, ihren kranken Frauen und ihren krüppeligen, um einen Silbergroschen Lohn wie um ein Almosen bettelnden Männern auf dem blossen Boden der Verhältnisse von 1844; als es in Schlesien zum Weber-Aufstand kam; die Villen der Saus-und-Braus-Fabrikanten gestürmt wurden, die den Webern die Hungermindestlöhne auf ein Sterbensquantum kürzten; als Leute, die nichts mehr ausser dem blossen Leben zu verlieren hatten, zu Äxten, Mistgabeln und Hämmern griffen und zuschlugen in einem Rausch der Verzweiflung - bis Militär anrückte und sie zusammenschoss.

 

Besetzung: Der alte Hilse (Jürgen Huth), Dreissiger (Ingo Hülsmann), Frau Dreissiger (Isabel Schosnig), Bäcker (Peter Molzen), Morituz Jäger (Norman Hacker), der alte Baumert (Sven Lehmann) u.v.a.

Gerhart Hauptmann: Der Biberpelz

Der Biberpelz (mit dem Untertitel: Eine Diebskomödie) ist ein 1892–1893 entstandenes sozialkritisches Drama und zugleich eine Milieustudie von Gerhart Hauptmann (1862–1946). Das Werk wird noch zur literarischen Epoche des Naturalismus gerechnet. Thomas Langhoff inszeniert das Stück 1993 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin.

 

Besetzung: Waschfrau Wolff ( Jutta Wachowiak), Amtsvorsteher Wehrhahn (Dieter Mann), Rentier Krüger (Kurt Böwe), Mothes (Bernd Stempel),

 

Adelheid, jüngere Wolff-Tochter (Stephanie Stappenbeck), Wulkow, Spreeschiffer (Michael Walke), Dr. Fleischer (Axel Wandtke), Frau Mothes (Barbara Schnitzler) u.a.

Georg Büchner: Woyzeck

Ulrich Rasche liess 2017 seinen Woyzeck im Stadttheater in Basel durch eine gigantische Schicksalsmaschine laufen. Drei Stunden lang quälen sich Woyzeck und die anderen Figuren auf einer bühnenfüllenden rotierenden schiefen Scheibe ab, die sich zum Schluss fast senkrecht aufstellt. Eine Herausforderung sowohl für die Schauspieler als auch fürs Publikum. Eine Inszenierung, die laut und lang ist, dauert der Woyzeck doch plötzlich doppelt so lang wie gewohnt. Wer sich auch die Räuber-Inszenierung aus dem Residenztheater ansieht, wird ohne weiteres erkennen, dass überwältigende Bühnenbilder durchaus ein Merkmal von Rasches Inszenierungen sind. Die Basler Produktion war ein riesiger Erfolg und war ans Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen. Ulrich Rasche meint zu seiner Inszenierung: «Woyzeck lebt innerhalb eines gesellschaftlichen Systems, das von Brutalität geprägt ist, der alle unterliegen, ohne davon zu wissen. Diejenigen, die Woyzeck Gewalt antun, sind selbst im allgemeinen Zusammenhang gefangen. Büchners Fähigkeit, die herrschende Verrohung auch als eine der Sprache darzustellen, steht im Mittelpunkt der Inszenierung. Ein vehement donnernder Rhythmus peitscht über die Sprache der Figuren hinweg. Was Woyzeck bleibt, ist blinde Gewalt, erlebte und ausgeübte.» Ich bin sicher: Entweder werdet ihr von dieser Darstellung fasziniert sein oder ihr werdet sie nicht aushalten. Dazwischen gibt es wohl nichts.

Besetzung: Franz Woyzeck (Nicola Mastroberardino), Marie (Franziska Hackl), Tambourmajor (Michael Wächter), Doktor (Florian von Manteuffel), Hauptmann (Thiemo Strutzenberger), Andres (Max Rothbart) u.a.

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

Ein junger Tempelherr, der Nathans Tochter Recha aus den Flammen des brennenden Hauses errettete, verliebt sich in das jüdische Mädchen und setzt alle Mittel ein, um es zu gewinnen. Der zum religiösen Fanatiker erzogene Krieger lässt sich von einem Juden nicht abweisen. Schon gar nicht, wenn es stimmt, was dem Tempelherren zu Ohren kommt: dass Nathan gar nicht Rechas Vater sei. Sofort sind Denunziation und Hass im Spiel. Die Liebe des Christen zu Recha wird lebensgefährlich für Nathan. Nun muss er weise sein und sehr schlau. Geschichten erzählen kann Leben retten. Und Nathan kennt Geschichten … Er stiftet eine Konfessionen übergreifende Wahlverwandtschaft als Modell eines friedlichen Gemeinwesens, in dem die durch Kriege heimatlos gewordenen Individuen wie versprengte Teilchen zu einem neuen Ganzen zusammenwachsen sollen. Wenn sie können. Und wollen.

Nathan der Weise, das erste Blankversdrama in deutscher Sprache, das Lessing zwei Jahre vor seinem Tod verfasste, enthält dessen Credo in Hinblick auf Religion, Weltanschauung und Geschichtsphilosophie. Der prominente Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan eröffnete 2017 mit seiner Version für Schauspieler/innen und Puppen in seiner Inszenierung am Volkstheater in Wien heutige Bezugsfelder.

Besetzung: Sultan Saladin (Gábor Biedermann), Nathan, ein reicher Jude (Günter Franzmeier), Recha, dessen angenommene Tochter (Katharina Klar)  Sittah, des Sultans Schwester (Steffi Krautz),  ein junger Tempelherr (Christoph Rothenbuchner), Daja, Gesellschafterin der Recha  (Claudia Sabitzer), ein Klosterbruder (Stefan Suske)

Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti

Ein Klassiker in 80 Minuten? Geht das? Michael Thalheimer schneidet 2001 am Deutschen Theater in Berlin Lessings wortreicher, höfisch-bürgerlicher Räuberpistole den Klassiker-Bart ab, indem er etwa an der Zeitschraube dreht. Dabei greift er jedoch nicht nach platten Methoden der Aktualisierung. Seine Protagonisten sind Graf, Intrigant oder Bürgermädchen im alten Gewand, aber sie sprechen wie auf Koks. Beinah ausdruckslos rattern sie sich ihre Texte um die Ohren und lassen keinen Zweifel daran, dass hier das einzelne Wort selten auf die Goldwaage gelegt wird. Es sind Dialoge, die eher einem Feuergefecht gleichen denn einer rhetorisch-psychologisch ausbalancierten Bühnen-Konversation.

Thalheimer spielt mit seinen Figuren Sekundenschach. Er entwirft eine künstliche Mechanik der Auf- und Abtritte, von Rede und Gegenrede, aus treibender Musik und Stille, die sich zu einem verhängnisvollen System verbinden, in dem der einzelne keine Chance hat. Er nimmt seine Emilia und alle, die um sie herum ihr gutes oder böses Spiel treiben, in den Würgegriff und das Publikum gleich mit dazu.

Besetzung: Emilia Galotti ( Regine Zimmermann), Odoardo Galotti (Peter Pagel), Hettore Gonzaga (Sven Lehmann), Graf Appiani (Henning Vogt),

Gräfin Orsina (Nina Hoss) u.a.

Friedrich Schiller: Maria Stuart

Fixiert! Die schottische Königin "Maria Stuart" sitzt mit Plastikriemchen gefesselt auf einem Arztstuhl und erwartet ihr tödliches Schicksal. Auswege sind kaum angezeigt. Noch bevor die Handlung ihren Lauf nimmt, teilen sich in einer Projektion auf dem Gaze-Vorhang vor der Bühne Zellen, bis die Fläche gefüllt ist: eine Heldin und ihr Umfeld unter dem Mikroskop, der Natur gehorchend, aber gefangen auf dem Objektträger, frei zur Begutachtung. "Maria Stuart" als Laborversuch - und der Regisseur lässt seine Figuren ordentlich zappeln. Sie zappeln als grau gewandete Geschäftsleute, die englischen Adeligen samt ihrer Konzernchefin Elisabeth (im forschen Business-Anzug), sie streiten an glatten Sitzungstischen, vor leeren Wänden, unbeschriebenen Präsentationsflächen, in Büros, die sehr dem Gefängnis von Maria ähneln. Nur selten verrutscht der korrekte Anzug. Zum Objektträger dieses Dramas mutiert schnell die gesamte Bühne, die sich zu den Szenen dreht und mit ihren Grautönen und Betonflächen nichts als Kälte und Vernichtung ausstrahlt.

Stefan Kimmig inszenierte 2007 am Hamburger Thalia Theater das Trauer- als Thriller-Spiel - und liess zwei Protagonistinnen glänzen, denn vor diesem Szenario formieren sich die Kräfte, die um Marias Leben oder für ihren Tod kämpfen, allesamt gefangen im selben System. Im Rahmen dieser Versuchsanordnung erproben sie ihre Macht: Ob kalt berechnend oder von Liebe getrieben, die enge Welt von Business und Politik lässt am Ende zu wenig Spielraum für individuelles Glück. Was anfangs allzu einfach und sinnfällig aussieht, erweist sich im Verlauf des Dramas als klug dimensioniert: Kimmigs konzentrierte Zwei-Stunden-Version des Riesendramas prasselt mit Intensität und Schärfe auf den Zuschauer hernieder - und sorgte für echte Gänsehaut-Effekte. Durch Text und Darstellung, kaum durch Effekte.

Das politische und persönliche Gezerre um die wegen Gattenmordes nach England geflohene schottische Königin Maria Stuart treibt alle Handelnden an ihre Grenzen - allen voran die gestresste und hier zur hysterischen Borderline-Persönlichkeit tendierende Herrscherin Elisabeth I. Für die englische Königin wird das Drama um die schottische Amtskollegin Maria zur persönlichen Prüfung, die ihr die eigenen Abgründe und Grenzen vorführt. Zum Schluss liegt sie zitternd und frierend in ihrem schmalen Bett, eine kranke und gezeichnete Persönlichkeit, an der nichts an eine königliche Herrscherin erinnert, nicht einmal die skrupellose Managerin nimmt man ihr noch ab.

Besetzung: Susanne Wolff Maria Stuart (Susanne Wolff), Königin Elisabeth (Paula Dombrowski), Burleigh (Peter Jordan), Leicester (Werner Wölbern) u.a.

Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker

Dürrenmatts Komödie, die 1962 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde, ist hier in der Regie von Herbert Fritsch im Pfauen 2013 zu sehen. Grell überzeichnet, voller akrobatischer Bravour ist es in dieser Aufführung inszeniert. So schrieb denn die Basler Zeitung: „Auf einer Skala von „völlig durchgedreht“ bis „extrem genial“ liegt bei diesem Theatermacher beides drin, nur die ausgewogene Mitte, die meidet er wie die Pest. Auf Textdenkmalpflege wird verzichtet, auf Körpereinsatz niemals. Theater ist für Fritsch Aktion. „Wirkung erlebt man nur im Augenblick“, sagt er. Nicht mehr, nicht weniger erwartet das Publikum in Zürich.“ Fritsch nimmt Dürrenmatts Genrebezeichnung „Komödie“ beim Wort und setzt deren theatralische Energie frei. Und die ist trotz des manchmal drögen kabarettistischen schwarzen Humor Dürrenmatts beträchtlich: Die „Physiker“ als Grand-Guignol-Theater aus dem Irrenhaus, in dem Irrsinnige oder Irrsinnige spielende Geheimagenten vorgeführt werden. Und zur schauspielerischen Leistung hier das St. Galler Tagblatt fest: „Da stimmt jedes Detail, jede Bewegung, jedes sie begleitende Geräusch. Und jede Besetzung. Überragend Corinna Harfouch als Dr. Zahnd: Was sie an steifer Beherrschtheit und gleichzeitig nervöser Zappelei zeigt – das ist irre, in des Wortes doppelter Bedeutung. Auch Jan Bluthardt als neuer Gatte der Frau Möbius oder als monströser Pfleger spielt beeindruckend genau. Tobender Applaus.“

Besetzung: Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd (Corinna Harfouch), Herbert Georg Beutler, gen. Newton (Wolfram Koch), Ernst Heinrich Ernesti, gen. Einstein  (Gottfried Breitfuss), Johann Wilhelm Möbius (Milian Zerzawy), Kriminalinspektor Voss (Jean-Pierre Cornu) u.a.

Max Frisch: Andorra - Düsseldorf 1985

Andorra ist überall. Andorra, wie Max Frisch anlässlich der Uraufführung seines Stückes 1961 erklärte, ist der Name für ein Modell, hat mit dem wirklichen Staat gleichen Namens nichts zu tun. Die Vorurteile und Animositäten, die ganze gesellschaftliche Situation des Modells beruhen auf der politischen Lage. Das "weisse" Andorra wird von seinen Nachbarn, den "Schwarzen", bedroht. Weil der Lehrer Angst hatte vor der Schande, von einer Senora "von drüben", einer "Schwarzen", einen Sohn zu haben, hat er den kleinen Andri als jüdisches Pflegekind ausgegeben und mit seiner ehelichen Tochter Barblin aufgezogen. Anfangs haben die Andorraner den kleinen "Juden" auch liebevoll aufgenommen, waren stolz auf ihre Toleranz. Aber schon bald setzen sich Klischeevorstellungen durch. Peter Heusch betont 1985 in seiner Düsseldorfer Inszenierung das Thema des Andersseins. Der Zuschauer wird Zeuge, wie rasch jemand Vorurteilen zum Opfer fällt, wie schnell Massensuggestion dem Aussenseiter zur Bedrohung wird. Die Inszenierung mit dem schlichten Bühnenbild weiss auch heute noch zu überzeugen.

Max Frisch: Andorra (Fernsehschauspiel 1964)

 

Unbehagen herrscht in Andorra: die Einwohner haben Angst vor einem Nachbarvolk, dessen Macht furchterregend ist. Die Fremden verfolgen Juden und ermorden diese. Aber nicht nur die "Schwarzen", wie die Bewohner des Nachbarstaates genannt werden, haben Vorurteile gegenüber den Juden, sondern auch die heimattreuen Andorraner. Andri, ein junger Mann, leidet unter diesen antisemitischen Stereotypen ...

 

Max Frisch selbst sagte über seine politische Parabel: "Der Antisemitismus in Andorra ist ein viel allgemeineres Problem der Einzelnen und der Gesellschaft. Dass die Gesellschaft sich ein Bild von einer Figur macht und die Figur zwingt, so zu sein, wie die Gesellschaft will. - Warum tut das die Gesellschaft?  - Sie hasst sich selber, sie sieht eigene Schwächen, die sie nicht aushält und diese Schwächen überträgt sie auf einen Sündenbock. Das Stück beweist geradezu, dass es eine Kollektivschuld gibt, es gibt nicht einen einzelnen, der der Mörder von diesem jungen Mann ist, sondern alle zusammen bringen diesen Mord zustande".

Im Studio Hamburg wurde für das deutsche Fernsehen dieses Stück in der Inszenierung des Schauspielhauses Zürich und unter der Regie von Kurt Hirschfeld und Gerd Westphal aufgezeichnet und am selben Tag (18.10.1964) auch auf SRF gezeigt.

 

Besetzung: Andri (Peter Brogle), Barblin (Kathrin Schmid), der Lehrer (Ernst Schröder), die Mutter (Angelica Arndts), die Señora (Heidemarie Hatheyer), der Pater (Rolf Henniger), der Soldat (Kurt Beck), der Wirt (Walter Richter), der Tischler (Albert Hoerrmann), der Doktor (Willy Birgel) u.a.

Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter - Inszenierung des Theaters Poetenpack

"Biedermann und die Brandstifter" ist ein Drama von Max Frisch. Es handelt von einem Bürger namens Biedermann, der zwei Brandstifter in sein Haus aufnimmt, obwohl sie von Anfang an erkennen lassen, dass sie es anzünden werden. Der Untertitel lautet „Ein Lehrstück ohne Lehre“.

Den Biedermann-Stoff griff Frisch in seinem Werk mehrfach auf. Eine erste Prosaskizze entstand 1948 unter dem Eindruck der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei. Sie trug den Titel Burleske und wurde im Tagebuch 1946–1949 veröffentlicht. Später verarbeitete Frisch den Stoff als Hörspiel "Herr Biedermann und die Brandstifter", das 1953 vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, sowie als Theaterstück "Biedermann und die Brandstifter", welches am 29. März 1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. Unzufrieden mit der Aufnahme des Stücks schloss Frisch ein Nachspiel an. Marcel Reich-Ranicki nahm "Biedermann und die Brandstifter" 2004 als eines von 43 Dramen in seinen Kanon der deutschen Literatur auf und nannte es Frischs wichtigstes Drama bzw. eine „genialische Bühnenskizze“. Die Inszenierung, die ich hier aufgenommen habe, ist eine der wenigen, die den ganzen Theatertext beinhaltet.  Sie stammt vom Theater Poetenpack in Potsdam. Das Theater Poetenpack ist ein freies professionelles Theater, das für seine vielfältigen Eigenproduktionen über ein Ensemble ausgewählter freischaffender Künstler verfügt. Im Zentrum des facettenreichen Repertoires stehen Klassiker-Inszenierungen, diese werden ergänzt durch moderne Kammerspiele und musikalisch-literarische Programme.

 

Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter - Inszenierung des Wiener Volkstheaters

Aufhängen sollte man sie! Galgen her für das Gesindel! Da ist man eine Seele von Mensch und lässt die Halunken ins Haus und gibt ihnen Brot und Käse und einen Platz zum Schlafen, und dann zünden sie einem das Dach überm Kopf an! 2018 inszenierte der ungarische Regisseur Viktor Bodó, bekannt für seine phantastisch-absurden Projekte, Frischs pyromanische Parabel auf unsere Ängste, derer wir nicht Herr werden erstmals und mit grossem Erfolg am Wiener Volkstheater. „Erst wirkt sie fast wie vom Blatt gespielt, doch nach und nach übernimmt die hochmusikalische, einfallsreich choreografierte Slapstick-Show des ungarischen Regisseurs das Kommando (…). Starker Applaus für eine gelungene Katastrophenübung.“ hielt etwa Norbert Mayer von "Die Presse" fest. Interessant für uns ist diese Inszenierung auch im Vergleich mit der Inszenierung beim Theater Poetenpack.

 

Besetzung: Günter Franzmeier (Herr Biedermann), Gabor Biedermann (Eisenring), Thomas Frank (Schmitz), Steffi Krautz (Frau Biedermann), Anna, das Dienstmädchen (Evi Kehrstephan) u.a.

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug

Nach einer ereignisreichen Nacht spielt sich im Dorf eine äusserst skurrile Gerichtsverhandlung ab. Der Dorfrichter sieht furchtbar aus, aber seine Erklärungen dafür scheinen nicht ganz glaubwürdig. Frau Gerichtsrat Walter, die zur Inspektion angereist ist, kann über das Chaos nur den Kopf schütteln, und Schreiber Licht sieht sein Ziel schon zum Greifen nahe. Ankläger und Beschuldigte, lauter kuriose Figuren, geraten sich in die Haare – und die junge Eve scheint mehr zu wissen, als sie zugeben will… Wer hat Dorfrichter Adam so zugerichtet? Was hat er zu verbergen? Warum schweigt Eve so hartnäckig? Wieso regt sich Marthe wegen eines Kruges so auf? Und was geschah in der Nacht wirklich?

Mit dem „Zerbrochnen Krug“ zeigten die Burghofspiele Voitsberg in der Steiermark 2013 jene bitterböse Komödie um Korruption, Machtmissbrauch und Egoismus, die Heinrich von Kleist zwischen 1802 und 1808 zu Papier brachte.

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug - Inszenierung Düsseldorf

Heinrich von Kleists Lustspiel über das Corpus Delicti eines zerbrochenen Kruges gehört seit mehr als 200 Jahren zum Kernrepertoire des deutschsprachigen Theaters, es dürfte also niemanden überraschen, dass der Dorfrichter Adam, der über dem seltsamen Fall zu Gericht sitzt, der gesuchte Krugzertrümmerer ist. Wie Adam versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und sich dabei an den Galgen lügt, das ist die eine Seite dieses Lustspiels. Die andere liest sich wie ein brandaktueller Kommentar zur #MeToo-Debatte. Denn der Machtmissbrauch des Richters reicht von Urkundenfälschung über Vetternwirtschaft und Erpressung bis zu sexueller Nötigung. Es ist nicht nur die Geschichte des unrechten Adam, sondern ebenso die einer ganzen Gesellschaft, die eine fragwürdige Autorität stützt, statt Eve zuzuhören. 

In "Theater heute" war zu dieser Inszenierung aus dem Jahre 2018 im Düsseldorfer Schauspielhaus u.a. zu lesen: "Laura Linnenbaum inszeniert Kleists Lustspielt mit viel Lust am Wortwitz und viel Wut über die Lust der mächtigen Männer. Cennet Rüya Voß spielt sich da am Ende des Abends ganz nach vorne. [...] Eine Inszenierung mit einer scharfen These. Eve Rull posted: #MeToo." Interessant an dieser Inszenierung ist auch, dass der lange Schlussmonolog gespielt wird, in dem Eve die Zusammenhänge aufzeigt und der von Kleist nach der missglückten Inszenierung durch Goethe gestrichen worden ist. 

Auch bei dieser Inszenierung finde ich es reizvoll, im Unterricht die identischen Szenen vergleichen zu lassen und sie auf ihre Wirkung hin zu prüfen.

Besetzung: Dorfrichter Adam (Andreas Grothgar), Eve (Cennet Rüya Voß), Marthe Rull (Michaela Steiger), Ruprecht (Stefan Gorski), Gerichtsrat Walter (Florian Lange) u.a.


Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther

Bald nachdem der junge Werther sich im Dorf Wahlheim niedergelassen hat, mitten im Frühling, mitten in der Natur, lernt er Lotte kennen. In einer gewitterdurchschauerten Ballnacht verliebt er sich in sie, tanzend und Klopstock zitierend. Doch zu Werthers grossem Unglück ist Lotte bereits verlobt mit dem sehr redlichen Albert, den zu heiraten sie ihrer Mutter am Sterbebett versprochen hat. Mit ihm freundet er sich an, während er weiter in vergeblicher Liebe Lotte wie eine Heilige verehrt. Als Werther aber nach all der Zeit der Zurückhaltung ihr in seiner Leidenschaft zu nahe kommt, entzieht sie sich ihm. Werther sieht nun, da er auch den Freund verraten hat, für sich keinen anderen Ausweg als den Tod.

Es ist ja nicht der einzige Roman, den ihr hier in einer Theaterinszenierung findet. Eike Hannemann inszenierte Goethes Briefroman von 1774 in der Spielzeit 2014/15 als Soloabend am Schauspielhaus Erfurt. Seither waren mehrere Ensemblemitglieder in der Rolle des Werther zu sehen, aktuell - also in der Spielzeit 2020 - spielt sie Max Mehlhose-Löffler. Die Langlebigkeit der Inszenierung ist auf ihren grossen Erfolg zurückzuführen, seit der Premiere war das Theater in der Garage regelmässig ausverkauft. Nicht zuletzt, weil die klassische Schullektüre hier mit modernen Mitteln wie einer Loopmaschine oder dem unkonventionellen Einsatz eines Plattenspielers entstaubt wird und Jugendliche einen zeitgemässen Zugang zum literarischen (Anti-)Helden erhalten. Ich wünsche mir, dass ihr den Zugang findet, Werther in seiner Liebe zu Lotte zwischen Euphorie und Verzweiflung zu erleben.

 

William Shakespeare: Hamlet

Es ist was faul im Staate Dänemark. Der junge Hamlet trauert um seinen Vater. Seine Mutter, Königin Gertrud, bewältigt den Verlust eher pragmatisch und heiratet den Bruder des Toten, Hamlets Onkel Claudius. Dafür verachtet der junge Prinz seine Mutter zutiefst, und als ihm sein Vater als Geist erscheint und offenbart, dass er Opfer eines Mordanschlags durch den neuen König wurde, gerät Hamlets Welt vollends aus den Fugen. Zwischen Apathie und hilfloser Wut taumelnd, weiss er einfach nicht so recht weiter, will aber dennoch irgendwie seinen Vater rächen. Letztendlich bringt er eine ganze Dynastie zu Fall und das Reich fällt in fremde Hände.

 

Kaum ein Werk wurde so häufig gespielt und dabei so unterschiedlich interpretiert, ob auf der Bühne, der Kinoleinwand oder als Gerüst für einen Serienplot. Manche Zitate gehören wie selbstverständlich zu unserem Wortschatz. „Sein oder nicht sein“ ist das Theaterklischee schlechthin. Allein der Totenschädel in der Hand signalisiert eindeutig, es geht um den Dänenprinzen und sein schweres Schicksal, das nach guter Shakespeare-Manier am Ende allen Hauptfiguren das Leben kostet.

 

In Johann Simons Inszenierung am Schauspielhaus in Bochum glänzt 2019 die preisgekrönte Schauspielerin Sandra Hüller als Hamlet. Ein zaudernder, sanftmütiger Hamlet, dessen kindliche Wutanfälle völlig hilflos wirken und nur zeigen, wie unfassbar deprimiert er oder sie von der Welt und den Menschen darin ist. So ist dieser „Hamlet“ auch nicht als Blutbad oder Rachefeldzug inszeniert, vielmehr wird in dem faszinierenden weissen Spielfeld von Johannes Schütz versucht, eine bestmögliche neue Ordnung zu schaffen. An Sandra Hüllers Seite steht Gina Haller als Ophelia, die in dieser Inszenierung so viel mehr sein darf als nur die berühmteste Wasserleiche der Dramenliteratur. Ihre Figur verschmilzt mit Hamlets bestem Freund Horatio und erfährt dadurch eine enorme Aufwertung, wird nicht nur Gefährtin, sondern fast alter Ego des Dänenprinzen.

 

Die Bochumer Inszenierung gilt bereits jetzt als Massstab für künftige Inszenierung und war zurecht ans Berliner Theatertreffen eingeladen. Nicht zu unrecht titelte die Süddeutsche Zeitung am 17. Juni 2019: "Diesen Hamlet muss man gesehen haben".

Franz Kafka: Der Prozess

Zuerst hielt Josef K. das Ganze für einen Scherz seiner Arbeitskollegen, denn genau am Morgen seines 30. Geburtstags wurde er verhaftet, ohne »dass er etwas Böses getan hatte«. Jemand musste ihn verleumdet haben. Von seiner Unschuld überzeugt, versucht der aufstrebende Bank-Prokurist die Gründe für seine Anklage zu erfahren, muss aber feststellen, dass die juristischen Regeln von Recht und Ordnung, an die er geglaubt hat, nicht mehr gelten. Was ihm zur Last gelegt wird, bleibt im Verborgenen, ebenso wie das Gesetz, das unbekannte Richter anwenden. Statt die Aufklärung seines Falls zu bewirken, wird seine Verstrickung immer grösser. K. sieht zwar die Gefahr, die ihm droht, lässt sich jedoch immer wieder ablenken. Zu gross ist die erotische Verlockung, die das weibliche Personal im Umfeld des Gerichts auf ihn ausübt. Oder hat Josef K. seine bevorstehende Verurteilung durch die anonyme Macht längst akzeptiert, weil ihn die eigenen Schuld-Schamgefühle bei seinem Widerstand lähmen?

Kaum ein Schriftsteller hat sich so gnadenlos selbst den Prozess gemacht wie Franz Kafka. Um jeden Nachruhm zu verhindern, plante er die Vernichtung seines Nachlasses und wurde dennoch zum meistbewunderten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Gespenstischer als sein Romanfragment, das er zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu Papier brachte, ist die Tatsache, dass seine alptraumhaft-absurden Visionen in der heutigen Gegenwart zur gefühlten Grunderfahrung von vielen geworden sind.

2019 hat das Stadttheater Rudolstadt Kafkas Romanfragment auf die Bühne gebracht. Sieben Schauspieler teilen sich in der Bühnenfassung von Mario Holetzeck jeweils mehrere Rollen. In der Jungen Welt hiess es zu dieser Inszenierung: Josef K. "gerät in Holetzecks »klarer, virtuos inszenierter, aus jeder Pore in die Gegenwart weisenden« »Prozess«-Arbeit am Ende des Abends zwischen die Mühlsteine. »Eine tolle Leistung des gesamten Ensembles«."

Hugo von Hofmannsthal: Jedermann - Salzburger Inszenierung 2013

"Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes" ist ein Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal, das am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt wurde. Seit 1920 wird das Stück jedes Jahr bei den von Reinhardt und Hofmannsthal begründeten Salzburger Festspielen aufgeführt.

 

Für die Salzburger Festspiele 2013 inszenierten der englische Bühnenbildner und Regisseur Julian Crouch und der amerikanische Theaterregisseur Brian Mertes gemeinsam Hofmannsthals „Jedermann". "Wir haben die Bühne, die Kostüme und die Musik der Salzburger Produktion studiert – soweit sie überliefert sind – und wir beziehen uns auf sie, wo immer wir das für angemessen erachten. Im Gegensatz zu den letzten Jahren ist unsere Bühne – wie bei Reinhardt aus Holz gezimmert – freistehend konzipiert, abgesetzt von der Domfassade und auf zwei Ebenen aufgebaut. Die Musik, die wir verwenden, wird unter anderem Variationen der Originalmusik aus Reinhardts Produktion enthalten, dazu kommen Volkslieder und Musik aus dem Zeitraum der Salzburger Uraufführung – den Zwanziger Jahren.“

 

Der 2013er „Jedermann“ der Salzburger Festspiele spaltete die Theaterkritik. Die Inszenierung wurde als „Triumph“ und „furioser Karneval“ gefeiert, musste aber als „aufgeblasenes Spektakel“ und „deutungsfreies Brimborium“ auch herbe Kritik einstecken. Fest steht, die Inszenierung von Brian Mertes und Julian Crouch liess keinen Kritiker kalt und erhitzte die Gemüter. Auch „Jedermann“ Cornelius Obonya wurde einerseits als „brillant“ gepriesen, andererseits in österreichischen und deutschen Zeitungen als „luxuriöse Fehlbesetzung“ bekrittelt. Die Rolle der Buhlschaft spielte Brigitte Hobmeier.

Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder

Ganz Europa ist verwüstet, der Dreissigjährige Krieg (1618-1648) hat den Kontinent schon vor Jahren ins Chaos befördert. Doch mittendrin bleibt die Marketenderin Mutter Courage mit ihrem Planwagen unverwüstlich und zieht von Heereslager zu Heereslager. Trotz aller Mühen will sie sich den Krieg nicht madig machen lassen, sie hat drei Kinder durchzubringen, und der drohende Frieden ist lediglich eine Gefahr fürs gut laufende Geschäft. Aber über die Jahre landet zuerst der redliche Sohn Schweizerkas vor dem Kriegsgericht, die Courage hatte zu lang um die Bestechungssumme für seine Freilassung gefeilscht. Ihm folgt der kluge Eilif, und schliesslich wird selbst die stumme Kattrin bei einer letzten Heldentat erschossen. Doch die Courage zieht mit ihrem Planwagen weiter, dem Regiment und dem Krieg hinterher, denn das nächste Geschäft ist nicht weit.

Bertolt Brecht schrieb "Mutter Courage und ihre Kinder" kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges im schwedischen Exil. Darin fand er anhand des historischen Dreissigjährigen Krieges nicht nur starke Bilder für die hässlichen Seiten einer damals erneut unmittelbar bevorstehenden Verwüstung Europas. Er führte genauso vor, dass Kriege vordergründig „aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist“ geführt werden, dass letztlich aber die Gewinne in der Kasse und nicht auf dem Schlachtfeld zählen.

Regisseur Armin Petras arbeitete 2019 mit dem Staatsschauspiel Dresden das hervor, was übrig bleibt, wenn Kultur, Benehmen und Anstand weichen, weil es um das überleben geht.

Besetzung: Mutter Courage (Ursula Werner), Kattrin (Maria Tomoiaga), Eilif (Yassin Trabelsi), Schweizerkas (David Knosel), der Koch (Matthias Reichenwald), der Feldprediger (Philipp Lux), Yvette Pottier (Nadja Stübiger) u.a.

Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder - Inszenierung Berlin

2003 inszenierte Peter Zadek am Deutschen Theater in Berlin "Mutter Courage und ihre Kinder". Im Berliner Deutschen Theater, dem Ort, wo von 1949 an die berühmte Helene Weigel jahrelang in Brechts und Erich Engels berühmter Modell-Inszenierung ihre Planwagen-Runden drehte und sich von den Kopfnickern im Parkett bewundernd kritisieren liess, da taucht bei Zadek eine aberwitzig fremde Frau auf. Weder Mutter noch Courage. Eher Hexe, Zigeunerin, Seherin aus einem fernen Land. Die locker eng anliegenden gescheitelten Haare pechschwarz, als seien sie eine dunkle, herrliche Krone. Zauberkönigin Courage. Zwar sitzt sie auch auf dem Kutschbock eines Planwagens, aber ihren Hut scheint sie direkt aus den Wiener "Weihnachtseinkäufen" in Schnitzlers "Anatol" mitgebracht zu haben. Mit diesem Decadence-Stück peitscht sie ihre beiden Söhne, die hüh! und hott! den Karren ziehen. Mit heller, irrer, schöner Stimme singt sie den Schlachtgesang der Mutter Courage: "Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ! / Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn. / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun."  "Sie hat das Zweite Gesicht", sagt ihr Sohn über sie, die einem Feldwebel listig und trickreich den Tod voraussagt, damit dieser ihre Söhne nicht für den Krieg abwerbe. Im Stück ist das eine Finte. Hier ist es die pure Wahrheit. Diese Courage ist vollkommen vom Brecht'schen Lehrstück befreit, aber auch von allem Rührstück, das nur die Kehrseite des Lehrstücks wäre. So spielt Angela Winkler die Courage: als Anti-Courage - gegen die Kopfnicker im Parkett. 

Die Kritik zu dieser Inszenierung fiel harsch aus. Viele sprachen davon, die Courage wirke, also ob sie aus dem Theatermuseum geholt worden sei. Mit dem zeitlichen Abstand und im Vergleich mit der Dresdener Aufführungen lassen sich aber gut Stärken und Schwächen dieser Inszenierung erarbeiten.

Besetzung: Mutter Courage (Angela Winkler), Kattrin (Judith Strössenreuter), Eilif (Achim Schelhas), Schweizerkas (Ronald Zehrfeld), der Koch (Vadim Glowna), der Feldprediger (Friedrich-Karl Praetorius), Yvette Pottier (Susanne Lothar) u.a.

Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe

Wie ein alter Tingeltangel-Western mutet Sebastian Baumgartens Interpretation des Theaterstücks "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" an, die in einer Inszenierung des Schauspielhauses Zürich 2013 zum 50. Theatertreffen in Berlin eingeladen war. Begleitet von einem Pianisten, waten die schrill kostümierten Protagonisten durch den Morast aus Börsenspekulation, Massenarbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit.

 

Oben versuchen sich die Bosse gegenseitig über den Tisch zu ziehen, unten schuften die Arbeiter und hungern. Dazwischen steht die kirchliche Organisation der "Schwarzen Strohhüte", an ihrer Spitze Johanna Dark, die das Elend der Arbeiter lindern und zwischen oben und unten vermitteln will. Sie glaubt an das Gute im Menschen - auch bei Fleischhändler Pierpont Mauler, der den gesamten Handel an Chicagos Viehbörse im Griff hat. Für alle überraschend trifft er den Entschluss, sich aus dem "blutigen" Geschäft des Viehhandels zurückzuziehen - jedoch nicht, ohne einen angemessenen Preis für seine Anteile zu verlangen. Er bringt seine Konkurrenten dermassen in Bedrängnis, dass der ganze Markt ins Wanken gerät und sich die Situation der Arbeiter zunehmend verschlechtert. Ein Generalstreik droht, und Johanna wird zwischen den Fronten zerrieben. Am Ende siegt der Kapitalismus, die Preise steigen, die Löhne sinken, und die Arbeitslosigkeit ist hoch.

 

Die Inszenierung war umstritten, ja, rief auch heftige Proteste hervor: Baumgarten wurde die Reproduktion und Unterstützung rassistischer Bilder vorgeworfen. Hier ein Ausschnitt: "Die in der Inszenierung verwendeten Zeichen enthalten enormes Gewaltpotenzial. Es werden rassistische Stereotype und Stilmittel verwendet, ohne dass diese im Rahmen des Stücks kritisiert, besprochen oder kontextualisiert würden. Die Darstellung einer „Afrikaner_in“ durch das in den letzten Monaten ausführlich diskutierte und von Schwarzen Menschen immer wieder kritisierte Stilmittel Blackface ist nicht das einzige rassistische Stilmittel der Inszenierung. Auch andere Kolonialfantasien werden wieder zum Leben erweckt, etwa wenn das Kostüm der Frau Luckerniddle durch ein künstliches, besonders großes Hinterteil ergänzt wird. Diese Zeichen sind weltweit Synonyme für jahrhundertelange Unterdrückung von Schwarzen Menschen und Menschen of Color durch Weiße. Sie stehen für Versklavung, Deportation, Mord, Völkermord, Ausbeutung, Landnahme, soziale Ausgrenzung und die Betonung der Weißen Vorherrschaft. Zu behaupten, diese Zeichen wären rein ästhetische und darüber hinaus neutral, bedeutet die Leugnung dieser (gemeinsamen) Geschichte."

 

Besetzung: Johanna Dark (Yvon Jansen), Slift (Carolin Conrad) , Frau Luckerniddle (Isabelle Menke) u.a..

Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen. […]" So die berühmten Schlussverse aus dem Stück.... Auf der Suche nach einem einzigen guten Menschen in der Provinz Sezuan finden drei Götter schliesslich nur das arme Strassenmädchen Shen Te, das sie mit einem grossen Geldgeschenk belohnen. Die jetzt wohlhabende Shen Te wird nun von allen Männern so ausgenutzt, dass sie sich nicht anders zu helfen weiss, als in die Rolle ihres hartherzigen Vetters Shui Ta zu schlüpfen. Des Mordes an der verschwundenen Shen Te angeklagt, gesteht der vermeintliche Shui Ta seine Doppelrolle, und die Götter verhindern eine Verurteilung. Aber Shen Te alias Shui Ta ist nun von allen Menschen und auch von den Göttern verlassen - hilflos in der Welt.

 

In der vorliegenden Fassung wurde das Stück am Deutschen Nationaltheater in Weimar 1988 von Fritz Bennewitz inszeniert. Die Musik stammt von Paul Dessau.

Besetzung: Shen Te/Shui Ta (Elke Wieditz), Wang (Thomas Schneider), der erste Gott (Eckart von der Trenk), der zweite Gott (Karl Albert), der dritte Gott (Manfred Olenicki) u.a. 

Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper

Die Handlung kreist um den Konkurrenz- und Existenzkampf zwischen zwei „Geschäftsleuten“, dem Kopf der Londoner Bettelmafia (Peachum), der Bettler erpresst und sie so ausstattet, dass sie das Mitleid der Passanten erregen, und einem Verbrecher (Macheath), der gute Beziehungen zum Polizeichef (Brown) von London hat. Das Stück ist im Stadtteil Soho, der von zwielichtigen Gestalten beherrscht wird, angesiedelt. Der Hinweis auf eine Krönung legt die Vermutung nahe, dass die Oper im Viktorianischen Zeitalter spielen soll und wohl die Krönung Victorias gemeint ist. Aber unabhängig davon funktioniert das Stück auch heute. Brecht selbst leitete auf einer Schallplattenaufnahme die "Dreigroschenoper" wie folgt ein: „Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heisst sie ‚Die Dreigroschenoper‘“.

 

So ganz einig wurden sich die Kritiker nicht, was sie von dieser Inszenierung der "Dreigroschenoper" 2004 im St. Pauli Theater in Hamburg halten sollten. Aber ein Publikumserfolg wie 1928 war es gleichwohl. Ulrich Waller, vorheriger Intendant der Hamburger Kammerspiele, führte zusätzlich die Regie und durfte auf ein "All-Star-Ensemble" zurückgreifen.

Besetzung: Mackie Messer (Ulrich Tukur), Polly Peachum (Stefanie Stappenbeck), Jonathan Peachum (Christian Redl), Celia Peachum (Eva Mattes), Spelunken-Jenny (Maria Bill), Polizeichef Brown (Peter Franke)  u.a.

Bertolt Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

"Die grossen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Denn sie sind vor allem keine grossen politischen Verbrecher, sondern die Verüber grosser politischer Verbrechen, was etwas ganz anderes ist." Bertolt Brechts Aussage gilt wie keine zweite für seinen Arturo Ui: Die Parabel über den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Diktators Ui erzählt von der Dreistigkeit, Skrupellosigkeit und Brutalität eines kriecherischen Aufstrebers und ist gleichzeitig eine nüchterne Analyse derer, die durch ihren Opportunismus diesen Aufstieg ermöglichen. Zeitgenössische Parallelen sind leider unübersehbar. Bertolt Brecht erzählt in seinem Stück vom Aufstieg des kleinen Gangsters Ui aus Chicago, der sich zum Diktator erhebt. Geschrieben 1941, spielt das Stück im Chicago der 20er Jahre, die Handlung und die Figuren empfand Brecht Al Capones Mafiagesetzen nach.

Die Inszenierung von Heiner Müller mit dem Berliner Ensemble wurde von Publikum und Kritik 1995 begeistert aufgenommen. "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, bekam Preise, bereiste als Gastspiel die ganze Welt – u.a. nach Mailand, Moskau, Avignon, Buenos Aires, Sao Paulo, Los Angeles, Neu Delhi und Caracas und wurde bis heute über 400 Mal gespielt. 

 

 

Besetzung:  Arturo Ui (Martin Wuttke), Roma (Hermann Beyer), Giri (Volker Spengler), Givola (Martin Seifert), Dogsborough (Stefan Lisewski), Schauspieler (Bernhard Minetti), Dockdaisy (Margarita Broich) u.v.a.

Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht

Vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg rechnet keiner mehr mit der Rückkehr des Artilleristen Andreas Kragler, nur Anna, die ihn immer noch liebt. Doch hindert sie das nicht daran, sich mit dem Kriegsgewinnler Murk einzulassen. Bald bleibt ihr kein anderer Ausweg, als ihren verschollenen Geliebten zu verraten: Sie ist schwanger von Murk und ihre Eltern drängen auf die Verlobung. Als sich Anna endlich dazu durchringen kann, taucht Kragler wieder auf, kehrt heim aus der Kriegsgefangenschaft. Zu spät. Niemand will mehr etwas von ihm wissen, er stört die Idylle, die keine ist. In der Stadt tobt der Spartakusaufstand, dem sich Kragler, jede Hoffnung auf Glück verloren, anschliesst.

 

„Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht ist das erste all seiner Stücke, das je auf einer Bühne gespielt wurde. Die Uraufführung fand 1922 in den Münchner Kammerspielen statt. Fast 100 Jahre später liess Hausregisseur Christopher Rüping sein Ensemble 2017 an historischer Stätte die Originalinszenierung in einer Art Reenactment wiederaufleben. Bis hin zu einzelnen Bewegungen, die Anzahl von Schritten oder bestimmte Betonungen lässt er zu Beginn die Schauspielerinnen und Schauspieler das Original nachahmen, bis sich dann die strenge Form immer weiter auflöst, die einzelnen Figuren verschwimmen und das Bühnenbild zerstört wird. Bei dieser Inszenierung gibt es zwei unterschiedliche Schlüsse: Die beiden Versionen von TROMMELN IN DER NACHT - einmal als Liebes-, einmal als Revolutionsgeschichte - werden an den Kammerspielen bis heute (Stand 2020) abwechselnd gespielt:

 

  • TROMMELN IN DER NACHT VON BERTOLT BRECHT: In der Variante, die Brecht 1922 ersonnen und mit der er Zeit seines Lebens gehadert hat, entscheidet Kragler sich für den Rückzug ins Private: Er lässt die Aufständischen stehen und geht mit seiner Frau nach Hause. Dieses Ende findet ihr auf Youtube unter: https://www.youtube.com/watch?v=7n20XfaKo3A 

 

  • TROMMELN IN DER NACHT NACH BERTOLT BRECHT: In der Variante, die Christopher Rüping gemeinsam mit seinem Ensemble nach Skizzen von Bertolt Brecht entwickelt hat, entscheidet Kragler sich gegen den Rückzug ins Private und für den Aufbruch ins Politische: Er lässt Anna stehen und zieht mit den Revolutionären ins Zeitungsviertel. Dieses Ende findet ihr auf Youtube unter: https://www.youtube.com/watch?v=x78npmMoeNQ

Thomas Bernhard: Heldenplatz

"Heldenplatz"  entstand im Auftrag des damaligen Direktors des Wiener Burgtheaters Claus Peymann für das 100-Jahr-Jubiläum der Eröffnung des Theaters im Jahr 1988 und löste einen der grössten Theaterskandale in der Geschichte Österreichs aus. Die Uraufführung war am 4. November 1988, in dem Jahr, in dem auch des 50. Jahrestages des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich gedacht wurde (seinerzeit „Bedenkjahr“ genannt). Aus dem Kontext gerissene Textpassagen wurden im Vorfeld bekannt und in zwei Zeitungen abgedruckt. Vor allem national und konservativ denkende Österreicher fühlten sich angegriffen. Die Zitate waren dabei ohne Kontext und Zuordnung zu den Protagonisten des Stückes abgedruckt, was den Eindruck erwecken konnte (oder sollte), sie würden direkt Ansichten Bernhards wiedergeben. Nach weiteren Zeitungsartikeln in der "Kronen Zeitung" mit Überschriften wie „Österreich, 6,5 Millionen Debile“, „Steuerzahler soll für Österreich-Besudelung auch noch zahlen!“ und der Ankündigung eines „Riesenwirbels“ sowie entsprechenden Kolumnen griff auch der Österreichische Rundfunk in Fernsehen und Radio das Thema auf. In der Folge sprachen sich verschiedene Politiker und andere Personen und Gruppierungen gegen das Stück aus und forderten, es nicht zur Aufführung kommen zu lassen oder wenigstens einzelne Passagen zu streichen, es zu zensieren. Die ausverkaufte Premiere selbst wurde begleitet von Störaktionen, Zwischenrufen und Pfiffen aus dem Publikum, die wiederum demonstrativ von Applaus und Bravo-Rufen anderer erwidert wurden. Letztlich reagierte das Publikum mehrheitlich mit Begeisterung. Als Thomas Bernhard nach dem Schlussvorhang mit den Schauspielern auf die Bühne kam, war das sein letzter öffentlicher Auftritt. Peymann in der Erinnerung an diesen Premierenabend: „Wir haben ‚Heldenplatz‘ gegen alle Widrigkeiten, gegen eine aufgehetzte, aufgepeitschte Öffentlichkeit zur Premiere gebracht. […] die Schauspieler haben uns im zweiten und dritten Akt zu einem ungeheuren Sieg verholfen." Für den schon vom Tod gezeichneten Dichter Thomas Bernhard war der Premierentriumph ein letztes grosses, beglückendes Geschenk. Bernhard starb wenige Monate später, am 12. Februar 1989. Heldenplatz wurde mit 120 Aufführungen in 10 Jahren eine der bis dahin erfolgreichsten Inszenierungen am Burgtheater.

 

Das Theaterstück spielt nach dem Tod von Josef Schuster, einem Professor für Mathematik an der Universität Wien. Dieser beging (laut Zeitangabe im Drama) im März 1988 Selbstmord, indem er sich aus dem Fenster seiner Wiener Wohnung, die direkt am Heldenplatz liegt, stürzte. In den Szenen des Theaterstücks beschäftigen sich die Hauptfiguren einerseits mit dem Charakter Josef Schusters und andererseits mit ihrer eigenen Lebenssituation. Im Mittelpunkt stehen dabei die monologartigen Reflexionen von Robert Schuster, dem Bruder des Verstorbenen.

Besetzung: Robert Schuster (Wolfgang Gasser), Anna (Kirsten Dene), Olga (Elisabeth Rath), Lukas (Martin Schwab), Hedwig (Marianne Hoppe), Professor Liebig (Frank Hoffmann), Frau Liebig (Bibiane Zeller) u.a.

 

Joseph Roth: Hiob

Hiob ist Joseph Roths berühmtester Roman und erzählt eine Familiensaga, beginnend in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Mendels ältester Sohn folgt bereitwillig der Einberufung zum russischen Militär, der andere desertiert, wird von Schleusern und Schleppern ausser Landes gebracht und wandert nach Amerika aus. Um die Tochter, die sich allzu leichtfertig mit Kosaken einlässt, von solchem Umgang fern zu halten, folgt die Familie dem inzwischen erfolgreichen Sohn nach New York und lässt Menuchim, das behinderte jüngste Kind, zurück. Angekommen in der Neuen Welt, ereilt die Familie neues Unglück: Schlag auf Schlag fällt der eine Sohn im alten Europa als Soldat im Ersten Weltkrieg, der andere gilt als vermisst, die Mutter stirbt aus Verzweiflung, die Tochter wird wahnsinnig. In einem zornigen Aufbegehren gegen Gott sagt sich Mendel Singer von seinem Glauben los. Doch dann kommt es zu einer wundersamen Wendung..... Mit dem Wissen darüber, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts weiterging, war es ein Glück zum Verzweifeln.

 

Der niederländische Regisseur Johan Simons hat Hiob in einer Bearbeitung von Koen Tachelet 2009 auf die Bühne der Kammerspiele gebracht. 2010 wechselte Johan Simons definitiv als Nachfolger von Frank Baumbauer als Intendant an die Münchner Kammerspiele, die er bis zur Spielzeit 2014/15 leitete. Die Schauspieler stellen in Simons' Inszenierung den Überdruck unleidlicher Verhältnisse in den jeweils knappst möglichen Haltungen und Gesten aus. André Jung als Mendel spielt den Abdruck, den unfassbare Schicksalsschläge auf der Seele eines Menschen hinterlassen. Und zwar nicht nur auf der Seele Mendel Singers, sondern auf der Seele der Menschheit an sich. Eine der berührendsten Inszenierungen seit langem!

 

Besetzung: Mendel Singer (André Jung), Deborah, seine Frau (Hildegard Schmahl), Menuchim, sein Sohn (Sylvana Krappatsch), Mirjam, seine Tocher (Wiebke Puls) u.a.